Der Freischütz

Der Freischütz 
Auszüge aus der Oper von Carl Maria von Weber
1994 (Vol. 1, 1 CD)


Die heute erhältlichen Partituren des „Freischütz“ machen den Eindruck, als hätte Weber für ein großes Theater eine Oper geschrieben, die zumindest ein mittelgroßes Orchester (10 erste Violinen etc.) erfordert.
Das Theater der Uraufführung des „Freischütz“ war das von Schinkel neu gebaute Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt. Es wurde 1821 mit Goethes „lphigenie“ eingeweiht. Zelter meinte, „es sei zu klein für Berlin“ (an Goethe, Oktober 1821). Auch die „Orchesterleute“ würden „über unbequeme Eingänge und Treppen“ klagen. Die allseits engen Verhältnisse wurden in Berlin erst ab 1824 erweitert, als der „Freischütz“ (zusammen mit z. B. „Entführung“ und „Barbier“) ins eigentliche Opernhaus „Unter den Linden“ übersiedelte.
Die Oper wurde vom damaligen Berliner Intendanten Graf Brühl als „sehr geistreiche und schöne Zauberoperette“ bezeichnet. Allerdings wollten der preußische Hof und sein Generalmusikdirektor Spontini („der Freischütz ist eine romantische Kinderei“) das „kleine Singspiel“ auch aus personalpolitischen Gründen nicht herausgestellt sehen und erlaubten eine Uraufführung im neuen Schauspielhaus erst, nachdem vorher noch einige weitere Schauspiele und das Ballett eines komponierenden Prinzen gezeigt worden waren.
Meine Vermutung ist, daß unser Stück ursprünglich mit einer kleinen Orchesterbesetzung gegeben und erst später für größere Verhältnisse dynamisch und artikulatorisch bearbeitet wurde. Hinweise darauf ergeben sich auch in Fülle beim Vergleich der gedruckten Fassungen mit dem Autograph. In diesem versuchte Weber trotz eingeschränkter Bedingungen einen lebendigen und kraftvollen Klang zu beschreiben. Er mußte nicht befürchten, daß die wenigen Streicher die Sänger zudecken würden (z. B. konnten die Musiker in der Nr. 4 ihr energisches forte auch bei Caspars Einsatz weiterspielen oder die Aufregung der Sänger zum Schluß des Terzetts Nr.9 im Durchhalten eines „hysterischen“ fortissimo teilen). Auch konnte er „unbequeme“ Artikulationen wagen (z. B. die Staccato-Begleitung der Legato-Melodie in der Max-Arie Nr. 3: „Durch die Wälder, durch die Auen oder die kurzen Sechzehntel in Nr. 6).
Beim Umzug in größere räumliche Verhältnisse schien es dann notwendig, das Orchester zu verstärken und folglich für das „Durchkommen“ der Sänger und das Zusammengehen“ die ursprüngliche Dynamik und Artikulation zu retuschieren. Daß dabei viel von der Vitalität des Stückes verlorenging, zeigt auch die Domestizierung mancher Schreibweisen – so die „ordnende“ Behalsung der Tremoli. Allgemein ist in der Geschichte der „Freischütz“-Redaktionen eine Tendenz zur Vereinheitlichung, Angleichung und damit Verharmlosung derjenigen Energien zu beobachten, die noch für Beethoven, als er im Herbst 1821 in Wien den „Freischütz“ hörte, sensationell und neu waren.

Bei unseren Grazer Aufführungen (ab 1994) versuchen wir, in einem kleineren Theater ein Singspiel mit einem Orchester zu begleiten und zu befeuern, das sich mit einer Besetzung von 5 ersten Violinen etc., in der Nähe der Verhältnisse glaubt, deren Beschränktheit Carl Maria von Weber nicht hinderte, stärkste Wirkungen zu erzielen.
Wolfgang Schmid

Titelliste:

  • Ouverture [8‘46“]

  • Arie des Max [7‘15“]
    Walter Pauritsch, Tenor

  • Arie des Caspar [3‘23‘]
    Rupert Bergmann, Bariton

  • Szene und Arie der Agathe [8‘17“]
    Tünde Szaboki, Sopran

  • Finale des 3. Aufzugs [18‘44“]
    Walter Pauritsch, Tenor, Tünde Szaboki, Sopran, Jelena Sikirica, Sopran, Franz Preihs, Bariton, Peter Cser, Baß, Andreas Gasser, Baß, Universitätschor Graz