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Die Kunstuniversität Graz trauert um Iván Eröd

Iván Eröd mit Studierenden; Foto: Jasmin Glettler-Feiertag

Iván Eröd (2. Jänner 1936 – 24. Juni 2019) trat 1967 als Lehrender für das Hauptfach „Tonsatzlehre“ an der damaligen Expositur Oberschützen der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz eine seiner ersten Stellen als Lehrender an. Er blieb der Kunstuniversität Graz über viele Jahre eng verbunden.

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Im Jahre 1936 als Sohn einer jüdischen Familie, die ursprünglich Schlüsselberg hieß, in Budapest geboren, überlebten Iván Eröd und seine Eltern den Holocaust, sein Bruder Endre (geb. 1924) und seine Großeltern wurden jedoch in den KZs Buchenwald und Auschwitz ermordet. Ab 1946 studierte er zuerst privat bei Pál Kadosa Klavier und Musiktheorie, ab 1951 dann an der Budapester Musikhochschule, wo er auch Komposition bei Ferenc Szabó und Vorlesungen bei Zoltan Kodály besuchte. Ältere Studienkollegen waren György Ligeti, György Kurtág und Josef Maria Horváth. Seit dem 12. Lebensjahr entstanden eigene Kompositionen, von denen jedoch die meisten verloren gingen.

Im Dezember 1956, noch vor seiner geplanten Abschlussprüfung an der Hochschule, emigrierte Eröd nach Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes nach Wien, wo er entgegen seiner ursprünglichen Absicht, nach Großbritannien oder in die Schweiz zu gehen, mit Hilfe eines Rockefeller-Stipendiums ab 1957 an der Wiener Musikakademie studierte: Klavier bei Richard Hauser, Komposition bei Karl Schiske sowie Zwölftonseminar bei Hanns Jelinek, in dem er sich intensiv mit den Werken der 2. Wiener Schule beschäftigte. 1957-60 viermaliger Besuch der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik, dabei Bekanntschaft mit Boulez, Nono, Stockhausen, Cage, Krenek, Blacher, Fortner uva. 1961 Diplome in Klavier und Komposition mit Auszeichnung. 1961 gewann er den Wiener Beethoven-Klavierwettbewerb (und ein eigenes Klavier), 1962 den 3. Preis beim Busoni-Wettbewerb in Italien.

Ab 1958 war Iván Eröd als Pianist im Ensemble „Die Reihe“ und als Korrepetitor zuerst beim Wiener Singverein, ab 1962 dann an der Wiener Staatsoper und bei den Wiener Festwochen tätig, ab 1963 außerdem als ständiger Klavierbegleiter des Tenors Rudolf Schock mit hunderten von Konzerten und mehreren Schallplattenaufnahmen.

Ende 1967 erhielt Eröd einen Lehrauftrag für Tonsatz an der damaligen Expositur Oberschützen der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz, unterrichtete ab 1969 auch in Graz selbst und wurde 1971 dort zum außerordentlichen, 1975 zum ordentlichen Professor für Komposition und Musiktheorie ernannt. Diese Position erfüllte er bis 1989; seine Kompositionsschüler waren u.a. Rudolf Hinterdorfer, Nono Schreiner, Georg Friedrich Haas, Gerhard Präsent, Johannes Kern, Dieter Zenz, Harry Schröder, Jörg-Martin Willnauer, Adolf Traar, Stefan Fuchs und Michele Trenti.

Bereits 1988 nahm er eine Gastprofessur für Harmonielehre und Kontrapunkt (Tonsatz) an der Wiener Musikhochschule an, die 1989 zu einer ordentlichen Professur umgewandelt wurde, wobei er auch die ersten beiden Jahrgänge Komposition betreute, 1995 bis 2002 Leiter des Instituts 1 war und 2004 emeritierte. Schüler aus dieser Zeit waren z.B. Michael Amann, Lukas Haselböck, Johanna Doderer, Olga Neuwirth, Gerald Resch, Patricia Kopatchinskaja, Johannes Maria Staud Christian Utz u.v.a.

1969 heiratete er die gebürtige Französin Marie-Luce Guy. Die gemeinsamen fünf Kinder sind ebenfalls alle künstlerisch tätig: Bariton Adrian (Kammersänger der Wiener Staatsoper), Schauspielerin Juliette Eröd, Musikpädagogin Natalie Dluhos, RSO-Fagottist Leonard Eröd und Dirigent Raphael Schlüsselberg; es gibt insgesamt neun Enkel und einen Urenkel.

Von 1975 bis 1989 hatte Eröd seinen Wohnsitz in Graz-Mariatrost, ab 1990 wiederum in Wien in der Gumpendorferstrasse. 1993 nach der Wende erwarb er ein Bauernhaus in Csákberény in Ungarn nahe Budapest und wurde Doppelstaatsbürger.

Eröds künstlerisches Schaffen wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Österreichischen Staatspreis 1970, dem Förderungspreis der Theodor-Körner-Stiftung 1971, dem Förderungspreis der Stadt Wien 1974, dem Würdigungspreis der Stadt Graz 1978, dem Joseph Marx-Musikpreis des Landes Steiermark 1981, dem Preis der Stadt Wien 1986, dem Bartók Pásztory Award 1993, dem Großen Silbernen Ehrenzeichen der Republik Österreich 2001, dem Goldenen Ehrenzeichen des Landes Wien 2001, mit der Ehrenmitgliedschaft des Österreichischen Komponistenbundes 2006, der Seniorenmitgliedschaft der Széchenyi Akadamie der Literatur und Künste 2009 und zuletzt mit der Goldmedaille des Kennedy Center International Committee on the Arts 2019 – eine Auszeichnung, über die er sich sehr gefreut hatte, die aber sein Sohn Adrian für ihn entgegen nehmen musste.

Auszug aus einem Nachruf von Gerhard Präsent, der dort auch schreibt: „Iván Eröd war in meinem musikalischen Leben ein Glücksfall, ein Wendepunkt, ein Meilenstein. […] Er zählt für mich zu den großartigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, nicht nur in Österreich – und seine Musik wird in der allgemeinen Wertschätzung sicherlich weiter steigen.“

Iván Eröd, der am 01.12.1967 als Lehrender für das Hauptfach "Tonsatzlehre" an der damaligen Expositur Oberschützen der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz eine seiner ersten Stellen als Lehrender angetreten hatte, ist der Kunstuniversität Graz und insbesondere dem heutigen Institut Oberschützen über viele Jahre eng verbunden geblieben.

2003 war er Juror im Wettbewerb Franz Schubert und die Musik der Moderne. Im Oktober 2012 war er in der Jury für den 2. Internationalen Jenö Takács Klavierwettbewerb für junge Pianistinnen und Pianisten vertreten.

Eröd zu Ehren wurde bei den Konzerten des KammerEnsembleOberschützen (KEOS) im Herbst 2018 die Komposition Quintetto ungherese, op. 58 zur Aufführung gebracht. Beim Konzert am 14. November 2018 im Gläsernen Saal des Wiener Musikvereins folgte Ivan Eröd der Einladung des Instituts und gratulierte den Musiker_innen zu ihrem Auftritt – ein sehr besonderer Moment!